FolkWorld Live Review von Karsten Rube

Jazz & Chansons an einem kalten Winterabend
Anne Bandel und Band in der Berliner Junction-Bar, 2005


Die Junction-Bar in der Kreuzberger Gneisenaustrasse ist ein entzückendes kleines Kellerloch, in dem man nichts anderes vorzufinden wünscht, als eine Jazzbühne. Diffus leuchtende Lampen unterstützen das Zwielicht beim Schattenwerfen. Brandflecken hunderter ausgetretener Kippen bilden ein bizarres Muster auf dem abgewetzten uralten Teppichbelag. Kleine schäbige runde Eisentische stehen unsymmetrisch und unsortiert herum. Eine lange gemütliche Couch bedeckt die Wand unter dem großen Kellerfenster, durch das der Besucher hinauf auf die Waden der Fußgänger und die Fußgänger auf dem Trottoir neugierig hinab ins Souterrain blicken können. Etwas separat, in einem abzweigenden Kellergang schnippst ein Barkeeper an einer Bar Bierdeckel von den Flaschen.

Vor der Bühne steht ein einzelner Tisch, an dem jemand höflicherweise einen einzelnen Stuhl übrig gelassen hat. Der Tisch kippelt, wenn man mit dem Fuß gegen das zentrale Tischbein stößt. Ich stelle vorsichtig mein Bier ab und beschließe das Tischbein nicht zu berühren. Wenige Augenblicke später treten zwei reifere korpulente Herren hinzu, zaubern zwei Stühle hinter ihren Körpern vor, setzen sich mit ausholenden Bewegungen. Ich rette mein Bier und schaue nach vorn.

Die Bühne, die kaum größer ist, als mein Badezimmer, wirkt wie eine Gruft. Dunklen Stoff haben die Betreiber dieser in Berlin nicht unbekannten Konzertadresse über die Decke gespannt. Rechts und links hängen Boxen an der Wand und den Beginn des Bühnenbereichs markiert ein braungestrichener Rahmen, der günstigstenfalls an ein Barocktheater erinnert, ungünstigenfalls an ein Puppentheater. Die Bühne ist mit überschaubar wenig Equipment übersät und damit Dank des geringen Platzes fast unbetretbar vollgerümpelt. Ein E-Piano, ein Kontrabass, Schlagzeug, Akkordeon und mehrere Mikrophonständer.

Die Ausstattung gehört zu Anne Bandel und ihrer Band, die an diesem letzten kalten Winterabend eines langen ungemütlichen Winters ein wenig wohlige Wärme in die Herzen ihrer Zuhörer tragen will, was ihr, ich will es vorwegnehmen, mühelos gelingt. Anne Bandel ist eine Frau, deren Alter ich schwer schätzen kann. Auf den Fotos, die ihre Konzerte ankündigen und ihre Website (Foto rechts, ist von Ihrer Webseite) schmücken, erscheint sie wie ein quirliger, leicht verrückter junger Mensch. Vielleicht ist das Absicht oder Schuld des Fotografen. Wahrscheinlich trifft beides gleichberechtigt zu. Es gibt leider genügend Beweise dafür, das manche Fotografen solange ihre Fotoobjekte zurechtinszenieren, bis nichts Wahrhaftes mehr übrig ist.

Die Bühne betritt jedoch eine Frau mit weit schlotternden Hosen, sympathischer Ausgeglichenheit und einem Lächeln, das sich vorbehaltlos überträgt. Ich bin von ihrem Wesen sofort eingenommen, noch bevor sie das erste Lied gesungen hat. Das lässt nicht lange auf sich warten und erweist sich als geschmackssicher ausgewählt. "Is You Is Or Is You Ain't My Baby" ist eine Komposition von Billy Austin & Louis Jordan aus den frühen 40ger Jahren. Ich kenne den Song von Joe Jackson, der auf seinem Album "Jumpin Jive" diesen Klassiker mit ein paar deftigen Bläsern würzte. Das Lied hat sich seit Jahren durch meine Gehörgänge gedschungelt und sich so verirrt, dass es wohl keinen Ausgang mehr finden wird.

Die meisten Songs, die Anne Bandel im Lauf des Abends vorträgt, sind Interpretationen von Standards und anderer bekannter Lieder aus der Jazz- und Chansonmusik. Da gibt es dieses französische Lied von der jungen Frau, die nicht mehr arbeiten will und auch sonst zu nichts mehr Lust hat, weil sie mal wieder einer gescheiterten Liebe hinterhertrauert. Alles was sie noch will ist Rauchen. "Je ne veux pas travailler" oder kurz "Sympatique" von Pink Martini war irgendwann Anfang des neuen Jahrhunderts ein viel gespielter Hit. Vom Leben enttäuscht klang er. Von Anne Bandel gesungen schwingt ein verhaltener Optimismus mit. Irgendwie wird das alles schon. Hauptsache es sind genug Zigaretten vorrätig.

Mit "Aqua de beber" von Antonio Carlos Jobim geht sie durchaus respektabel um, jedoch gehört auch "Besame mucho" von der im Januar 2005 verstorbenen mexikanischen Komponistin Consuelo Velazquez zu ihrem Repertoire. Mit diesem Lied wurde seit seiner Entstehung soviel grausames ausprobiert, dass es heute nur noch ein Zombie ist, der bereits ein paar Körperteile verloren hat. Sein Ursprung ist verloren gegangen und jede weitere Interpretation des Liedes ist eine weiterer Leichenschändung. Es bleibt das einzige störende Lied des Abends.

Nicht alles, was Anne Bandel im Verlaufe des Abends vorträgt entspringt fremden Federn. Eine Vorliebe für die bissigen und gelegentlich hinterhältigen Geschichten Dorothy Parkers verbindet sie mit ihrem Pianisten Heiko Kulenkampff. Gemeinsam haben sie ein paar Ideen Dorothy Parkers vertont. Diese Lieder sind die herausragenden des Abends. Ein eigenes Programm, das sich ausschließlich auf Dorothy Parker einlässt, wäre wünschenswert, weil einzigartig.

Neben dem ziemlich ausgeschlafenen Pianisten wird der Gesang Anne Bandels von einem Kontrabassisten begleitet, der wie eine schüchterne Ausgabe von Jim Carrey wirkt und einem Schlagzeuger, dessen Gesichtsausdruck darauf schließen lässt, dass er sich vor lauten Trommelschlägen fürchtet. Viel Zeit zum Proben hatten sie vorher nicht, was zu vereinzelten recht süßen Irritationen führt.

Im Mittelpunkt des Abends steht fest die diplomierte Jazzsängerin Anne Bandel, mit einer Stimme, die wie ein Sommerwind warm und weich die Gedanken umschmeichelt, aber ebenso gut aufbrausend und unbeirrbar die Haare zerzaust. Kein überzogenes Bühnengehabe, nur leichte Bewegungen mit den Händen, die sie häufig auf dem Bauch ruhen lässt. Alles an ihr vermittelt zurückhaltende und doch beeindruckende Präsenz. Eine Präsenz, bei der man beinahe die Umwelt um sich herum vergessen kann und nur eine eindeutige Störung kann mich vom konzentrierten Zuhören abhalten.

Diese geht von einem wahnsinnig gewordenen Fotografen aus, dessen durchtrainierter Zeigefinger nicht wieder vom Auslöser seiner Kamera wegkommt. Die Kamera ist etwa dreißig Zentimeter von meinem linken Ohr entfernt. Ein Bier, eine Zigarette und die Kamera, vor deren Linse das ausgeatmete Rauchgas wabert. Etwa 500 Fotos muss er im Laufe des Abends geschossen haben. Macht das einen guten Fotografen aus, der aus 1000 geschossenen Fotos am Ende drei auswählt, die versehentlich was geworden sind?

Anne Bandel geht gelassen mit dem Schnappschießer um. Sie singt und ignoriert das unrhythmische Klicken. Noch vor Konzertende erlöst er mein linkes Ohr und packt die Kamera ein. Musikalisch durchgewärmt klettere ich schließlich die Kellerstufen hinaus auf die kalte Gneisenaustrasse, "Is You Is Or Is You Ain't My Baby" vor mich hinpfeifend.

Homepage des Künstlers: www.annebandel.de

Photo Credit: Lars Hennings

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© The Mollis - Editors of FolkWorld; Published 01/2006

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