Issue 8 2/99

FolkWorld Szene von Innen

Die deutsche FolkWorld Szene von Innen ist dieses Mal verwoben mit der LAG Folk.
Für einen kurzen Vortrag über "Niederdeutsch im kulturellen Bereich am Beispiel Folklore" war Jörg Geschke am 19.03.99 zum "Beirat Niederdeutsch" eingeladen, einer Institution des Landtages unter dem Vorsitz des Landtagspräsidenten. Er stellte hier seine Umfrage bei plattdeutsch-singenden Künstlern von der LAG Folk vor. In FolkWorld nun die Untersuchungsergebnisse.


Kolumne von Jörg R. Geschke:

Plattdeutsch darf nicht untergehen

Eine Umfrage unter plattdeutschen Sängern


Hannes Wader; photo by The Mollis Die Landesarbeitsgemeinschaft Folk e.V. ist ein Zusammenschluß von Folkmusikern aus Schleswig-Holstein, der im Jahr 1990 gegründet wurde und dem sich mittlerweile etwa 70 Folk-Gruppen bzw. Einzelkünstler angeschlossen haben. Über ein Drittel dieser Gruppen bedienen sich bei ihren Auftritten vorwiegend der niederdeutschen Sprache. Bei diesen Gruppen habe ich eine kleine Umfrage durchgeführt über ihr "musikalisches" Verhältnis zum Plattdeutschen.

Im Begriffswirrwarr von Folklore, traditioneller Musik, Volksmusik und volkstümlicher Schlagermusik ist die Folk-Musik nicht immer ganz eindeutig von anderen Genres abzugrenzen. Zum Verständnis des Begriffs sollte man aber wissen, daß das sogenannte Folk-Revival am Ende der sechziger Jahre eine Entwicklung gewesen ist, die aus Amerika kam und mit der Neuentdeckung musikalischer Traditionen, aber auch viel mit Politik, mit Protest wider das Establishment, zu tun hatte. Das europäische Folk-Revival war zusätzlich geprägt von der großen Popularität irischer und schottischer Folklore am Beginn der siebziger Jahre. In Deutschland vermischte sich beides mit der Suche junger Musiker nach eigenen verschollenen demokratischen Liedtraditionen, auch abseits vom gemeinhin bekannten Volkslied.

Musikalisch ist Folk geprägt vom zumeist akustischen Instrumentarium (Flöte , Geige , Gitarre, Akkordeon usw.) und von einem recht spontan anmutenden Musizier- und Singstil, dazu von der Beeinflussung durch andere Genres sowie von Traditionen anderer Nationalitäten. Was den Beginn des Folk-Revivals in Norddeutschland und die Rolle der plattdeutschen Sprache hierbei anbelangt, so war modernes folkloristisch-niederdeutsches Singen am Beginn geprägt vom Stil Hannes Waders und Knut Kiesewetters, also von der Verwendung irischer oder schottischer Melodien. Auch eine Orientierung am amerikanischen Folksong war zu spüren, und gerade die erfolgreichen Produktionen waren geprägt vom Ideal des plattdeutschem "Schmusefolk" la "Drews de Wunnerdraken" (Fiede Kay; niederdeutsche Fassung eines bekannten amerikanischen Folksongs der Sechziger). Anderes war auch gar nicht gefragt, hatte jedenfalls in den Medien keine Chance.
Heutzutage hat niederdeutsches Singen nur eine Zukunft, wenn es sich auch anderen musikalischen Stilen öffnet, wie es ja auch Gruppen der LAG erfolgreich vorführen.

Ein anderer Aspekt war, daß viele sich des Niederdeutschen bedienten, weil sie meinten, dies sei die "Sprache des Volkes" und niederdeutscher Gesang würde somit dem demokratischen Ansatz des Folk-Revivals am besten entsprechen. Daß auf diese Weise aber einiges durcheinander geriet, mag nur am Rande erwähnt sein: Studenten, sonst des Plattdeutschen nicht mächtig, sangen niederdeutsch getextete Anti-Atomkraft-Lieder und meinten auf diese Weise für die "Stimme des Volkes" zu stehen...

Die jetzt von mir durchgeführte Umfrage wandte sich, wie gesagt, an die Gruppen und Einzelkünstler aus den Reihen der LAG-Folk, die den deutlichen Schwerpunkt in ihrer Arbeit in der Verwendung des Plattdeutschen haben. Von den 15 Befragten gaben nur sehr wenige an, daß sie Niederdeutsch mit der "Muttermilch eingesogen" haben, also "native speakers" ("geborene snakers") seien.
Was das heutzutage verwendete plattdeutsche Material anbelangt, ist hervorzuheben, daß sowohl die Texte als auch die Melodien zu etwa 80% Eigenkreationen sind. - Wo früher plattdeutsche Übersetzungen englischen Materials oder die Verwendung bekannter Texte beispielsweise von Klaus Groth vorherrschten, ist moderner niederdeutscher Folk also keineswegs mehr in diesem Sinn traditionell, und er bedient sich auch nicht mehr direkt keltischer oder amerikanischer Vorbilder.

Helmut Debus and Allan Taylor; photo by The Mollis Weniger einheitlich waren die Antworten auf die Frage hin, ob sich die Gruppen noch dem politisch-gesellschaftlichen Ansatz der Anfangsjahre des Folk-Revivals verbunden fühlten. Die Meinungen differierten vom klaren "Ja" bis zum ebenso klaren "Nein". Alle befragten Gruppen möchten sich aber mehr oder weniger stark von der volkstümlichen Schlagermusik abgrenzen oder werden von dort ausgegrenzt, eben weil sie niederdeutsch singen. Plattdeutsch ist dort nicht gefragt.
Das typische Publikum für dieses Genre, man ahnt es, ist eher älter und kommt vom Lande. Ein Sänger berichtet gar von der "Tragik, nie vor Gleichaltrigen singen zu können". Wenn ein paar "jüngere Menschen unter vierzig" dabei seien, so seien diese zumeist "folksozialisiert". (Ist das nicht ein wunderschönes Wort?)

Das Publikum mag nach Aussage der Künstler diese Sprache aus zwei völlig gegensätzlichen Gründen: Zum einen erweckt sie Gefühle von Vertrautheit und Heimat, Gemütlichkeit und Wärme, und zum anderen ist sie "originell", "nicht so nah" und "etwas fremd, fast wie Englisch".

Warum nun singen unsere Gruppen plattdeutsch? Beim großen Folk-Musiker-Treffen 1997 im Jugendhof Scheersberg, das dem Projekt "Folk geiht platt" gewidmet war, erklärte Henk Scholte, Sänger einer im Raum Groningen in den Niederlanden überaus erfolgreich platt-singenden Gruppe "Törf" es mit der Rückbesinnung auf die Region im Zeichen allgemeiner Globalisierung.

Meine Umfrage ergab, daß neben der "Liebe" zu dieser Sprache aus unterschiedlichen Gründen niederdeutsch gesungen wird. Wichtig sei vor allem die Authentizität des Niederdeutschen, und neben dem klaren Programmprofil, das es gibt, wurde von der Möglichkeit zur besseren Identifikation der Musiker mit ihrer Musik gesprochen (... im Gegensatz zu englischen Texten).

Bemerkenswert erscheint mir, daß von der Hälfte der Befragten ausdrücklich genannt wurde, daß sie die niederdeutsche Sprache "fördern, bewahren und erhalten wollten".
Die Folk-Musiker haben also eine neue Message entdeckt: Plattdeutsch darf nicht untergehen!


Photo Credit: (1) Hannes Wader; (2) Helmut Debus (rechts) mit seinem Fan und Freund Allan Taylor
Photos by The Mollis


CD-Empfehlungen für modernen "Folk op Platt":


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© The Mollis - Editors of FolkWorld; Published 5/99

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